Zeitreise


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masha-allah

Zeitreise

auch in unserem Ort waren die ersten Gastarbeiter Italiener.Meine Mutter, die über die Alpen nach Italien gewandert war, hatte sogar etwas italienisch gelernt. „ un qualque cosa“ erinnere ich mich, hat sie gesungen, aber sehr selten. Den „Gildo“ kannte sie, seine Schwester Carmella wurde irgendwann bei uns einquartiert, sie wohnte im Untergeschoß in einem großen Raum, alleine. Sie hatte wohl Heimweh, kochte die italienischen Gerichte, es roch sehr gut und manchmal aß ich mit ihr zusammen. Von den italienischen Männern sollten wir jungen Mädchen uns fern halten. Später wurden die griechischen Arbeiter hierhergeholt, die Italiener verdrängt. Noch einige Jahre später, die ersten Gastarbeiter aus Anatolien für die groben Arbeiten nach Deutschland beordert. Kurze Zeit war ich in einem Betrieb im Büro tätig, indem das Obergeschoß für die türkischen Mitarbeiter hergerichtet worden war.Am Morgen standen sie im Raum, sie sprachen mit dem Chef und dem Vorarbeiter. Ein ausgewählter Sprecher übersetzte.6 fremde Männer in Arbeitskleidung warteten auf ihren Einsatz.Ibrahim, er sah aus, als ob er der Älteste unter Ihnen zu sein schien.Es ging wohl um die Personalien, Alter, verheiratet, Kinder usw. Hörte mit einem Ohr zu, er gab an: 6 Kinder, ich glaube, er verstand überhaupt nichts, (Kindergeld) er konnte weder lesen, noch schreiben, statt seinem Namen machte er 3 Kreuzchen. Ein etwas finsterer Typ, aber ganz harmlos. Unter der Arbeitskleidung hatte er noch den Schlafanzug an. Abends, wenn sie zurückkamen, war ich schon weg. Alle wollten etwas Geld verdienen und dann wieder zurück in ihre Heimat. Die Nachbarn waren nicht so begeistert, mochten die Arbeiter nicht. Theater gab es, als zum Ramadan-Ende ein Schaf im Hof geschlachtet wurde.Viele Jahre später dachte ich an diese Arbeiter. In dem Industriebetrieb in dem ich jetzt tätig war, arbeitete eine Stammbelegschaft, Deutsche und Griechen. Als dann die türkischen Mitarbeiter eingestellt wurden, die „ Kümmeltürken“ wurden sie genannt, gab es bei den Schichten Zoff. Die sind faul, beten während der Arbeit, während des „Ramadan“ könne man nichts mit ihnen anfangen.Nach einer Messerattacke in der Spätschicht, wurden die Griechen und die Türken getrennt. Die meisten sprachen nach einiger Zeit deutsch, nicht sehr gut, aber man konnte sich mit ihnen verständigen. Man sprach mit ihnen, wie mit Kindern: “ du machen jetzt …“ Die komplizierte Geschichte von Griechen und Türken ignorierten dieArbeitgeber, die sollen nur arbeiten hier, günstig, da meist ohne entsprechende Ausbildung. Die älteren waren verheiratet, die jungen Männer wohnten alle zusammen in Holzcontainern. Für ihre Belange und Lebensweise interessierte sich niemand, man wollte nichts mit Ihnen zu tun haben. Man unterstellte diesen Arbeitern alles Mögliche, und Unmögliche, kein einzigen Alkoholiker war dabei, bei den deutschen Mitarbeitern aber einige. Erinnere mich daran, als ich eine Urlaubskarte aus der Türkei beim „ Ausräumen „ von Gümmele“ fand, sowie  eine alte Musikkassette von einem türkischen Sänger „ Mascha-allah“, die Gümmele für mich kopiert hatte. Der große Unterschied, diese Menschen waren zwar auch Fremde, billige Arbeitskräfte, keine Flüchtlinge, wir wollten oder konnten ihre Lebensweise nicht verstehen, sie taten sich sicherlich auch schwer, uns zu begreifen. Dann tauchten auch noch die Asylanten aus Afrika auf, über die man schimpfen konnte, selbst die „ Weitgereisten“ reihten sich da ein. Urlaub in Kenia oder Gambia war damals sehr in Mode, stolz reichte man die Photos von den Safaris weiter, wo die Löwen gefüttert wurden. Keiner kannte aber einen afrikanischen Asylanten, man sprach ja englisch, das reichte aber meisten nur aus, um sich ein Bier zu bestellen. Die Zeitungsberichte waren so wie heute, Vorfälle wurden sofort den „ Schwarzen“ unterstellt. Die afrikanischen Asylanten wurden damals, wie heute von bestimmten Personen missbraucht, um z.B. Drogen einzuschleusen. In der Unterbringung gab es kein Wachpersonal, heute schon. Können diese unterscheiden  oder beurteilen, wer da ein und aus geht? In der Unterkunft, von der ich schon berichtet habe, in der ich für Übersetzung tätig war, gibt es auch keine Kontrolle, dadurch weiß niemand, wer dort ein und ausgeht, keine Ansprechperson, kein Hausmeister, nichts. 

 

 

 

 

 

 

 

 

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3 Gedanken zu “Zeitreise

  1. das sind interessante Erinnerungen. Wir wohnten zu Beginn der 70er Jahre in Frankfurt, in einem 5-stäckigen Haus, jeweils zwei Familien pro Stockwerk, Wand an Wand mit Griechen, Türken und Deutschen. Die jeweilige Ethnie blieb meist unter sich, aber nicht aus Feindseligkeit gegeneinander. Die deutsche Vermieterin – sie stammte aus der Arbeiterklasse, ihr Mann war Handwerker – erklärte überall ungefragt, „keine Ausländer zu mögen“, verwahrte sich aber dagegen, „ihre“ Türken und Griechen als Ausländer zu bezeichnen, und aß bisweilen türkisch bei „ihren“ Türken, mokierte sich dennoch über die Gerüche im Hausflur. Als Deutsche, die mit einem Griechen verheiratet war und ein deutsch-griechisches Kind hatte, wurde ich meist der „Ausländergruppe“ zugeordnet, hatte vor allem zu den Griechen Beziehungen, aber auch zu den Deutschen, zu den Türken weniger, denn die hatten keine Kinder und waren irgendwie unsichtbar für mich.

    1. viele Dank für deine Gedanken, du hast sicherlich ganz eigene Erfahrungen in dieser
      Angelegenheit. Meine Beobachtungen sind sehr vielfältig, die Diskussionen darüber
      finde ich teilweise schon sehr seltsam.

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